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Stockgare und Stückgare

Stockgare und Stückgare

Stockgare vs. Stückgare – was im Teig wirklich passiert

Wer regelmäßig Brot backt, stolpert früher oder später über diese beiden Begriffe. Stockgare und Stückgare klingen technisch, fast ein wenig nach Bäckereifachschule. In vielen Rezepten tauchen sie wie selbstverständlich auf, oft mit knappen Zeitangaben. Dabei wird selten erklärt, was im Teig eigentlich passiert – und warum beide Gärphasen nicht austauschbar sind.

Ich habe lange gebraucht, um den Unterschied nicht nur auswendig zu kennen, sondern wirklich zu verstehen. Erst als ich angefangen habe, Teige bewusst zu beobachten, statt nur nach Uhr zu arbeiten, wurde klar, warum sich Brote mit identischem Rezept völlig unterschiedlich entwickeln können.

Was die Stockgare im Brotteig bewirkt

Die Stockgare ist die erste Ruhephase nach dem Mischen oder Kneten des Teigs. Der Teig liegt dabei noch als Ganzes im Kessel oder in der Schüssel. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit der Mikroorganismen.

Hefe und Sauerteig starten ihre Vermehrung, Enzyme spalten Stärke und Eiweiße auf, das Glutengerüst entwickelt sich weiter. In dieser Phase entscheidet sich viel mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.

Während der Stockgare passiert unter anderem:
• der Teig gewinnt an Elastizität
• Aromen entstehen langsam
• Gas wird gebildet und im Teig gehalten
• die Struktur wird stabiler

Ein zu kurzer Stock lässt den Teig oft unreif wirken. Er ist dann zwar aufgegangen, aber innerlich noch unausgeglichen. Ein sehr langer Stock, vor allem bei kühler Führung, sorgt dagegen für Tiefe im Geschmack und eine bessere Bekömmlichkeit.

Warum die Stockgare nicht nur „Wartezeit“ ist

Gerade im Hobbybereich wird die Stockgare häufig unterschätzt. Der Teig steht irgendwo in der Küche, während man etwas anderes macht, und bekommt am Ende einfach „seine Stunde“. Doch die Stockgare ist keine passive Phase.

Je nach Temperatur, Mehltyp und Triebmittel verändert sich der Teig spürbar. Ein Weizenteig mit hoher Hydration reagiert empfindlicher als ein kompakter Roggenteig. Sauerteig verhält sich anders als reine Hefe. Wer hier lernt zu fühlen, statt zu stoppen, bekommt deutlich reproduzierbarere Ergebnisse.

Ich habe mir angewöhnt, den Teig während der Stockgare bewusst anzufassen. Nicht ständig, aber gezielt. Wie spannt er sich? Gibt er nach? Reißt er schnell? Diese Beobachtungen sagen mehr als jede Minutenangabe.

Stückgare – die zweite, oft entscheidende Phase

Nach dem Wirken beginnt die Stückgare. Der Teig ist nun geformt, als Brot oder Brötchen, und liegt meist im Gärkörbchen oder auf dem Blech. Viele denken, hier gehe es nur noch um Volumen. Tatsächlich passiert aber auch hier im Teig eine Menge.

Die Stückgare stabilisiert die zuvor aufgebaute Struktur. Das Glutengerüst richtet sich aus, die Gärgase verteilen sich gleichmäßiger. Gleichzeitig verlangsamt sich die Aktivität der Mikroorganismen im Vergleich zur Stockgare – vor allem, wenn kühl geführt wird.

In dieser Phase entscheidet sich:
• ob der Teig Spannung hält
• wie locker die Krume später wird
• ob das Brot im Ofen noch Ofentrieb entwickelt

Eine zu kurze Stückgare führt oft zu unkontrolliertem Aufreißen. Eine zu lange Stückgare lässt den Teig instabil werden, er fällt beim Einschießen zusammen oder geht kaum noch auf.

Stockgare vs. Stückgare – kein Entweder-oder

Ein häufiger Fehler ist, die beiden Gärphasen gegeneinander auszuspielen. Kürzere Stockgare, längere Stückgare – oder umgekehrt. In der Praxis funktionieren sie nur im Zusammenspiel.

Die Stockgare legt das Fundament. Hier entsteht das innere Gerüst des Brotes. Die Stückgare ist die Feinjustierung. Sie entscheidet, ob dieses Gerüst den Backofen übersteht.

Wenn ein Brot flach läuft, liegt das Problem oft nicht in der Stückgare allein. Häufig wurde in der Stockgare zu wenig Zeit gegeben oder der Teig zu früh weiterverarbeitet. Umgekehrt kann eine perfekte Stockgare durch eine überzogene Stückgare zunichtegemacht werden.

Was im Teig auf mikrobiologischer Ebene passiert

Sowohl Stockgare als auch Stückgare sind Gärprozesse, aber mit unterschiedlichem Schwerpunkt. In der Stockgare dominieren Aufbau und Vermehrung. In der Stückgare eher Reifung und Stabilisierung.

Enzyme arbeiten während beider Phasen weiter:
• Amylasen bauen Stärke zu Zucker ab
• Proteasen lockern das Klebergerüst
• Hefen und Milchsäurebakterien produzieren Gase und Säuren

Der Unterschied liegt im Zustand des Teigs. Als Masse kann er sich freier entwickeln. Als geformtes Stück ist er auf Halt angewiesen. Das erklärt, warum ein Teig in der Stückgare empfindlicher reagiert als während der Stockgare.

Warum Zeitangaben nur grobe Richtwerte sind

Rezepte geben Zeiten an, weil sie etwas angeben müssen. In der Realität hängt die Dauer von Stockgare und Stückgare von vielen Faktoren ab:
• Raum- und Teigtemperatur
• Mehlqualität und Ausmahlung
• Triebmittel und deren Reife
• Teigmenge und Hydration

Deshalb backen zwei Menschen mit demselben Rezept selten identische Brote. Wer das akzeptiert, entspannt sich. Wer lernt, den Teig zu lesen, gewinnt Sicherheit.

Für mich ist das Verständnis von Stockgare vs. Stückgare einer der größten Schritte gewesen, weg vom reinen Nachbacken hin zum eigenständigen Brotbacken.

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